Annaberger Sechs-Tage-Rennen
Freudige und traurige Erlebnisse in der adventlichen Erzgebirgshauptstadt
Obwohl ich mich, wie in jedem Jahr, auch heuer wieder zwecks Besinnlichkeits-Tankung in meine Heimatstadt Annaberg begeben hatte, wurde daraus auch diesmal wieder ein regelrechtes sechstägiges Wettrennen von Termin zu Termin. Darunter waren allerdings sehr viele produktive Gespräch und Kontakte sowie auch ein paar Stunden erzgebirgischer Besinnlichkeit. Mein kurzer (freundlich-kritischer) Report beginnt mit einer verhinderten Fahrerflucht auf dem Parkplatz vor dem Ries-Center. Dort rammte ein total besoffener Annaberger (Herr Frank U. von der Adam-Ries-Straße) unser Auto beim Ausparken und wollte sich aus dem Staub machen. Beherzte Passanten, darunter der Herr Radio-Fiedler (der dort eines seiner Geschäfte betreibt), sahen den Vorgang, hielten den Schwankenden und Lallenden fest, riefen die überaus freundliche Polizei und ab mit dem Kerl zur Blutprobe. Ein schönes Beispiel für Annaberger Ausländerfreundlichkeit – schließlich trägt unser Fahrzeug ein ungarisches Nummernschild, mit dem wir hier leider auch schon andere Erfahrungen machen mußten…


Bei einem Gespräch mit Frau Schreiter, der Chefin vom Hotel “Wilder Mann”, konnte ich mein Bild von ihrer engagierten Arbeit vervollständigen und Kritik aus der Vergangenheit klären helfen. Nicht nur die Schwammesuppe im Glas und haustypische Roulade in der Gaststätte mit der gewaltigen Balkendecke und dem wundervollen, erzgebirischen Weihnachtschmuck schmeckten hervorragend. Auch die Idee mit dem versuchten “Blick über den erzgebirgischen Tellerrand” (siehe Tafel) in der hauseigenen Bude auf dem Weihnachtsmarkt fand zustimmende Beachtung. Inwieweit nun die Gerichte aus deutschen Bergbaulanden sich auch geschäftlich rentiert haben, wird uns Frau Schreiter sicher demnächst verraten.

Im “Neinerlaa” hat mir der Buschmann Karl-Heinz nunmehr in die Hand versprochen, dass es “so lange ich lebe!” hier immer das Neunerlei im Ratskeller geben wird. Er legt großen Wert darauf zu betonen, dass auch nach seinem – ev. altersbedingten oder wegen Reichtum – Ausscheiden aus der Ratskeller-Gaststätte, dieses Konzept weiter geführt werden wird. Er widersprach auch Gerüchten vom Verkauf der Teller, der Kneipe oder gar sich selbst… Allerdings machte er mich auch auf die Schwierigkeiten aufmerksam, die nach Weihnachten auf diese Gaststätte finanzielle zukommen, wenn um die Mittagszeit manchmal nur zwei Gäste hier einkehren.

Ich nutzte die Gelegenheit, zwei Türen weiter der Annaberg-Information einen Besuch abzustatten und wurde gleich am Eingang mit einer Ausstellung unter dem Titel “Die Kunst zum Leben” überrascht, die unser tratidionelles Weihnachstzeig total grün angepinselt präsentierte. Nun habe ich nichts gegen moderne Präsentationen alter Formen, auch dann nicht, wenn sie grün daher kommen. Aber wenn aus dem gekünstelten Begleittext des Herrn Diplom-Disigner Andreas H. Fleischer lediglich hervor geht, dass hier “die Idee einer kunsthaften Präsentation von Kunsthandwerk, einer Art Verkunstung des Handwerklichen” umgesetzt werden sollte, dann kann ich ja im kommenden Jahr meine Mannln auch mal rot, oder besser zur Krisensituation passend, grau-schwarz anmalen und als “Kunst zum Leben” – vielleicht in der “Dummen Sau” in Buchholz austellen. 

In der “Dummen Sau” war ich nämlich an einem heiteren Abend gemeinsam mit guten Freunden, um zu schwatzen (eigentlich mährn), gut zu essen und reichlich zu trinken und gegen 22 Uhr die zwei Nachtwächter zu begrüßen, wie das nun schon seit Jahren bei meinen Besuchen in Annaberg-Buchholz geschieht, und was mich immer sehr ehrt. Sie hatten wieder alte und neue Lieder, Sprüche und Witze auf der Pfanne, während Frank, die beste “Dumme Sau” die ich kenne, nach längerer Zeit des feucht-fröhlichen Wartens dann die ausgezeichneten Gerichte aus der Pfanne servierte.


Damit man nicht meint, der Schicker treibt sich nur in Kneipen herum, wenn er in Annaberg ist, will ich hier etwas vom Spaziergang auf dem Pöhlberg einblenden (wo ich übrigens ein paar Tage später einen sehr angenehmen und kulinarisch sehr qualifizierten “Abschiedsabend” – mit lobenden Worten an Gaston Deckert – erleben durfte).
Später dann hatte ich eine traurige Begegnung, dort, wo sie auch hingehört: Der alte Annaberger Friedhof ist im Umfeld der verschlossenen und zugemauerten Trinitatiskirche eine denkmalschützerische Katastrophe und ein Schandfleck für Annaberg. Ich habe mir nur drei dieser Unmöglichkeiten vorgenommen und sie im Bild festgehalten:

Das beschädigte und ungepflegte Grabmal mit dem Engel darauf stammt aus dem 18. Jahrhundert. Die stark verwitterte Schrift läßt erkennen, dass hier der am 25.1.1755 in Buchholz geborene und am 15.12.1829 in Annaberg verstorbene Oberinspektor und Gerichtsherr von Tanneberg, Johann Gottlieb Haenel, beigestzt wurde.
Dahinter befinden (befanden) sich im so genannten “Güldenschen Schwibbogen” (Erbbegräbnisstätte, heute ein ausgeraubtes Trümmerfeld) u.a. die Grabstätten und Gruften derer von Eisenstuck. Eine Familie, die in den Annalen der Stadt – aber auch nur dort – eine gewisse Rolle spielt und die mit dem großen Toleranz-Schriftsteller Gotthold Ephraim Lessing verwandt gewesen ist, was einst auf einer Grabtafel zu erkennen war (sie fehlt genaus so, wie die an der Kirche für den “Vater der Pharmaceuten” Prof. Adolf Duflos). 
Am Grabdenkmal der Barbara Uthmann, das übrigens einst die Eisenstucks gesponsert hatten, fehlt nicht nur der recht Arm der Frau, auch sonst ist der Zustand dieses Denksteins an die große Wohltäterin des Erzgebirges ein Armutszeugnis für die Stadt.
Und wer derart mit der älteren Geschichte umgeht, wie soll der Sinn für die jüngere und tragische unseres Erzgebirgsvolkes empfinden? Der Gedenkstein für die Opfer des Faschismus sagt dazu fast alles…
Nachdenklich begab ich mich ins Erzgebirgsmuseum, um mir vom dortigen Direktor Nikla(u)s aus der Kassenluke heraus erklären lassen zu müssen, dass in den vergangenen 20 Jahren die fehlenden 150 Jahre Annaberger Geschichte bis heute nicht nachgetragen werden konnten, weil: Platzmangel, Personalmangel, Geldmangel… Ich meine, hier mangelt es an etwas ganz anderem. Man sollte endlich etwas unternehmen, damit diese wichtigen Jahre nicht gänzlich unter die Mangel geraten. 
Natürlich mußte ich mich von derartigen Aufregungen erst mal im “Türmer” gegenüber erholen, was dort immer bei sehr guten, erzgebirgstypischen Speisen, dunklem Bier und einem hellen Wirt gelingt. Natürlich kann man in der “Goldenen Sonne” auch gut essen, aber bei meinem Besuch waren die Gepräche mit den Glück-Auf-Bloggern so wichtig und anregend, dass ich gar nicht mehr wußte, was ich dazu gegessen hatte. So mußte ich also dem Herrn Flemming nochmal einen Besuch abstatten, um die prima Roulade aus seiner guten Küche bei einem weiteren, eben so prima Gespräch mit René Goldschadt zu genießen…

Selbstverständlich gehört ein Besuch des Eduard-von-Winterstein-Theaters jedesmal zum Kulturprogramm. Auf dem Spielplan stand am 3. Advent die heitere Oper “Fra Diavolo” in einer sehr seh- und hörbaren (außer dem Tenor in der Titelpartie), empfehlenswerten Inszenierung. Unter den neun Nationen, die hier engagiert sind, befindet sich auch der junge Bassist aus Ungarn, der im Januar den Sarastro in der “Zauberflöte” geben wird – wir sind gespannt! Vorab haben wir mit ihm schon mal ein Interview für meine Zeitung gemacht.


Und jeden Tag war ich ein-zwei Mal auf dem Weihnachtmarkt. Man kommt an ihm einfach nicht vorbei, zumal, wenn man in sechs Tagen derart durch die Stadt fliegt. Ganz beeindruckt war ich von der liebevollen Gestaltung im Großen, aber auch von den Dingen am Rande. Und mit dem Honigmann ins Gespräch zu kommen, ist schon allein ein Besuch des Marktes wert.
Während ich diesen Text in meiner Hutznstub an der Donau schreibe, kommt in mir eine Stimmung auf, die ich nur mit schwarzen Räuerkerzchen und einem (!) Lauterbacher sowie zwei friedlich schlummernden Katzen bekämpfen kann. Ich beneide Euch derweil alle daheim, besonders in dieser schönen Weihnachtszeit, die ihr dort sein könnt, wo ich hoffentlich bald sein werde – Glückauf, mein trautes Annaberg!
Gotthard B. Schicker

Zitat: “Ein schönes Beispiel für Annaberger Ausländerfreundlichkeit – schließlich trägt unser Fahrzeug ein ungarisches Nummernschild.”
Diesen Satz muss ich heftig kritisieren. Als Ur-Annaberger lasse ich nicht zu, pauschal so zu urteilen. Auch gehört hier nicht hin, dass ein Herr U. aus der …-Straße dies war (den ich nur vom Sehen her kenne).
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Im nächsten Moment aber habe ich herzlich gelacht, da ich etwas zu schnell gelesen hatte. Zitat: “Nicht nur die Schwammesuppe im Glas und haustypische Roulade in der Gaststätte mit der gewaltigen Balkendecke und dem wundervollen, erzgebirischen Weihnachtschmuck schmeckten hervorragend.”
Mein erster Gedanke: Hoffentlich hat das Hotel die Reparaturkosten übernommen. :-))
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In Bezug auf den Stadtpark (!), so heißt jetzt der alte Friedhof, gebe ich Ihnen eben so Recht wie in Sachen Erzgebirgsmuseum. Hier könnte – nein da muss – etliches noch gemacht werden. Wir können dies ja mal dem Weihnachtsmann stecken. Mal sehen, ob der uns erhört.