Report aus dem Weihnachtsland

Deckenleuchter "Spinne" im Pöhlbergrestaurant
Um den 3. Advent herum war ich mit ausländischen Gästen in Annaberg, Frohnau und Marienberg. Sie waren beeindruckt, begeistert und meistenteils zufrieden – aber nicht mit allem:
Die Befürchtungen, dass der Annaberger Weihnachtsmarkt in diesem Jahr unter Qualitätsabstrichen zu leiden hätte, nur weil der bisherige Manager Tanzhaus in den Ruhestand gewechselt ist, haben sich nicht bewahrheitet. Er ist nach wie vor der wohl attraktivste, anheimelndste und typischste Markt seiner Art in Deutschland und darüber hinaus. Es fällt sehr schwer, etwas Kritisches zum weihnachtlichen Markttreiben in Annaberg zu sagen, wenn man andere Wintermärkte zum Vergleich heran zieht. Ob dieser das Image der Stadt enorm aufwertende Markt allerdings schon marktgerecht vermarktet wird, darf bezweifelt werden. Das bezieht sich aber offenbar auf den gesamten erzgebirgischen Raum. Man begegnet noch immer jenem Staunen über eine Art terra inkognito, wenn man mit Menschen aus westlichen Bundesländern oder gar Ausländern durch diese Gegend schlendert – und das nicht nur zur Weihnachtszeit. Es muss nach zwanzig Jahren deutsche Einheit doch endlich zu einer der Hauptaufgaben der Regionalpoltik erklärt werden, damit das Erzgebirge in seiner Gesamtheit, aber insbesondere auch in seinen vielen markanten Teilen, in den so genannten alten Bundesländer, in Österreich und der Schweiz sowie auch im weiteren Ausland stärker ins Gespräch gebracht wird. Schließlich wird es vermutlich nur der Tourismus sein, von dem das Erzgebirge zukünftig leben und seine Bewohner überleben können. Hat der Fremde erst einmal erzgebirgische Schönheiten und Reize für sich entdeckt, wird er nicht nur zum Multiplikator, sondern kommt selbst wieder in diese Gegend mitunter Jahr um Jahr zurück, wie ich es aus eigenen Erfahrungen im Umgang mit In- und Ausländern bezüglich unserer Region weiß.
Neben dem Weihnachtsmarkt war bei meinem Besuch um den 3. Advent auch der Frohnauer Hammer wieder ein begehrter Magnet für Gäste aus allen möglichen Gegenden Europas. Wir wissen allerdings auch, dass dieses Interesse nach Weihnachten schmerzlich nachlässt. Es soll allerdings bald Konzeptionen geben, die das attraktive Frohnauer Kulturensemble auch über die „Saure-Gurken-Zeit“ zu retten hoffen. Die Leute vom Hammer sind bei den Führungen durchaus engagiert und sachkundig bei der Sache. Es sollte allerdings überlegt werden, ob eine Gruppe von an die 100 Personen sinnvoll über das alte Hammerwerk zu informieren ist, oder ob man hier Teilungen vornehmen sollte. Man kann auch noch etwas mehr für eine nachhaltige Atmosphäre tun, und nicht allein nur den kleinen Hammer in Bewegung setzen. Wo ist das immer während klimmende Schmiedefeuer, das vor Jahren hier noch brannte und auch die Herzen erwärmte? Wo sind die zünftigen Lederschürzen der Hammerburschen, die sie einst während den Führungen trugen? Und wohin ist der Vorzeige-Schnitzer entschwunden, der in der „Galerie“ so manchen Gast mit seinen handwerklichen Fähigkeiten in Erstaunen versetzte oder anregend auf junge Leute wirkte? Die weibliche Führung durchs gegenüber liegende Herrenhaus war allerdings erfreulich informativ und servierte humorvolle Einblicke in die schönen und schweren Seiten der alten Lebensweise.
Darüber kann dann bei wie immer schmackhaften und typischen Speisen und gepflegten Getränken in der alten Hammerschänke nachgedacht werden. Auch diese traditionsreiche Gaststätte könnte nach Weihnachten mehr Aufmerksamkeit und stadtinformatorische Zuwendung vertragen. Die engagierte Truppe um den Wirt Stephan Feller hätte es verdient.
Es lohnt sich auch immer wieder bei einem Besuch in Frohnau, beim Holzbilderhauermeister Dietmar Lang in seinem „Erzgebirgshaus“ vorbei zu schauen. Nicht nur wegen des auserlesenen Angebotes typischer Holzkunst, sondern auch, um in der Schnitzerschule den Meistern und ihren Eleven dabei zuzuschauen, wie all dieses Mannlzeig entsteht. Wer dann noch zu den Privilegierten gehört und mit seinen ausländischen Gästen einen Blick in Langs „Weltraum“ – oben unterm Dach des 222-jährigen Hauses, dort wo der Hausgeist namens „Budnhubl“ sein Unwesen treibt – werfen darf, der ahnt wie wichtig es ist, diesem etwas ausgelagerten Frohnauer-Hammer-Kultur-Ensemble (Hammer, Schmiede, Erzgebirgshaus, Herrenhaus u.a.) zukünftig noch stärkere Beachtung zu schenken und in grenzüberschreitenden Tourismuskonzepten einen zentralen Platz einzuräumen.
„Essen und Trinken kann man in Annaberg aber sehr gut. Und preiswert noch dazu“- meinten Großstadt verwöhnte Gäste aus Österreich

"Restaurantkritiker" beim Hutznobnd auf dem Pöhlberg (v.l.n.r.) Holzbildhauermeister Dietmar Lang, Dipl. Ing. Dr. Hans-Joachim Schmiedel, ORF-Direktor Ostmitteleuropa Mag. Ernst Gelegs, Prof. Gotthard B. Schicker
angesichts der hiesigen Gastronomie, wie sie von ihnen (und von mir) u.a. in folgenden Gaststätten angetroffen wurde: Da war einmal die bereits belobte „Hammerschänke“ im Frohnauer Herrenhaus. Dann die ausgezeichneten Gerichte beim „Türmer“, der trotz später Ankunft der Gäste nach dem Theater seine Küche mit dem vollen, schmackhaften Sortiment offen hielt und gastronomisch wieder einmal überzeugte. Auch vom „Wilden Mann“ kann nur Gutes berichtet werden. Ein aufmerksamer Service, Freundlichkeit und Entgegenkommen – bei einer lobenswerten Speisenkarte – sind hier zu genießen. Und wer meint, dass das „Neinerlaa“ im Annaberger Ratskeller seit dem Weggang vom Buschmann, Karl Heinz in seiner Qualität nachgelassen hätte, der war offensichtlich noch nicht wieder dort. Was uns allerdings auffiel und etwas störte, war der Preisanstieg um fast 30% im Vergleich zur alten Speisekarte. Nun kann in der Marktwirtschaft jeder seine Preise so gestalten, wie es ihm beliebt. Ob er allerdings nach der Weihnachtstaschenfüllerei damit auch noch das übrige Jahr im Geschäft bleibt, werden die Gäste entscheiden, die sich dann auch in diesem Bereich so etwas wie eine soziale Marktwirtschaft wünschen. Es wäre nur schade um die Mann- und Frauschaft, die sich im „Neinerlaa“ rührend um den Gast bemüht und damit auch in den anderen elf Monaten nicht nachlassen will, wenn ab Januar auch wegen dieser Preispolitik dem gastlichen Ort die Leute fern blieben. Prima auch das erst vor paar Wochen eröffnete „Café Anna Bella“. Modern und gemütlich in einem füllt es eine Lücke nicht nur in der gehobenen Annaberger Gastronomie, sondern hat auch einen Schandfleck an der Wolkensteiner Straße beseitigt. Im ehemaligen „Dresdner Hof“, der u.a. schon mal Hotel, eine Art Wismut-Puff, Möbellager oder Arbeitsamt war, sollen neben dem gelungen Café im Erdgeschoss auch bald die oberen Etagen zu Wohnungen ausgebaut werden. Wenn dann noch das alte Café Central (leider unter einem anderen Namen!) in der künftigen Erzgebirgssammlung „Manufaktur der Träume“wieder eröffnet wird, kann sich Annaberg bald – natürlich mit gebührendem Abstand zu Wien und Budapest – als Kaffeehaus-Metropole des Erzgebirges feiern lassen. Gefeiert wurde auch kräftig beim „Hutznohmd“ im Pöhlberg-Restaurant. Der umtriebige Wirt Gaston Deckert hatte zu einem zünftigen Erzgebirgsabend mit Speisen, Getränken und einem Programm in den Saal eingeladen. Das Essen im Pöhlbergrestaurant kann sich eigentlich immer sehen und schmecken lassen. Ob es allerdings ratsam ist, bei derartigen Großveranstaltungen die Speisen á la carte anzubieten, bleibt fraglich. Schließlich leidet dann da und dort die Qualität doch, was vielleicht bei einem Menü vermeidbar gewesen wäre. Ansonsten ist aber die gesamte gastronomische Qualität auf dem Pöhlberg ausgezeichnet.

Heide Lore Staub (rechts) mit Ensemble
Das Programm unter der Leitung von Heide Lore Staub passte allerdings nur in Teilen zu den Erwartungen der Hutznleit (Hutzenleute, Gäste). Es war dafür insgesamt zu anspruchsvoll konzipiert und zu wenig von Heiterkeit und Fröhlichkeit erfüllt. Da nützen auch empörte Ermahnungen seitens der sehr leise singenden Gitarristin an das mitunter quatschende Publikum nichts. Nicht der Gast muss sich auf die Interpreten einstellen, sondern umgedreht wird ein Schuh daraus, – zumal er dafür überraschender Weise auch noch je 3,50 Euro berappen musste. Aber wie schon so oft, kamen auch diesmal wieder die Nachtwächter vorbei, stießen in ihr Horn, erzählten Schnurren, tranken einen guten Tropfen, erzählten von ihrem neuen Buch, klopften meinen Gästen und mir ein paar herzliche Weihnachtswünsche auf die Schultern – und alles war wieder gut…!

Premieren-Ensemble (Foto: Knoblauch)
Gut war auch die Premiere am Annaberger Theater. Warum man allerdings dort mitten im kalten Winter die Bäume im Wiener Prater musikalisch erblühen lässt, wird ein Rätsel des Hauses bleiben. Die Idee wurde trotzdem wirkungsvoll in Szenen gesetzt, obwohl es sich lediglich um einen Liederreigen von Robert Stolz in einem ansprechenden Bühnenbild von Marlis Knoblauch handelt. Sicher hätte man auch einen anderen Liedanfang als Titel für den gelungenen Premierenabend „Im Prater blühn wieder die Bäume“ finden können. Musikalisch hatte MD Roland Seiffarth fast alles in der Hand, wenn auch der Konzertmeister im Finale kurzzeitig ein gewisses Eigenleben ausspielte. Bis auf eine Ausnahme waren die erstaunlich jungen Sängerinnen und Sänger allesamt gut drauf und dem Meister der Wiener Operette stimmlich und darstellerisch gewachsen. Allen voran die Damen: Bettina Grothkopf (großartig in „Du sollst der Kaiser meiner Seele sein“), Tatjana ConradBettina Corthy-Hildebrandt (sehr ansprechend in „Spiel auf deiner Geige“), (burschikos in „Adieu, mein kleiner Gardeoffizier“) und Maritta Posselt stimmlich und darstellerisch anschmiegsam im Duett mit Almanza in „Komm mit in den Park von Sanssouci“.
Von den Herren überzeugten am meisten der kräftige Tenor Francisco Almanza (mit „Mein Herz ruft immer nur nach Dir, Maria“) und Frank Unger (wohlklingend und strahlend in „Ob blond, ob braun“). Aber auch der samtene Bass vom Ungarn László Varga strömte gekonnt im

Publikums-liebling László Varga
Chanson-Lied „Frag nicht, warum ich gehe“. Noch besser kam sein tiefe Stimme in „Vor meinem Vaterhaus steht eine Linde“ zum Ausdruck und brachte gestalterisch wohltuend Ruhe ins Programm. Zur Freude des Publikums tanzte er und seine Kolleginnen und Kollegen dann ausgelassen beim Titel „Im Casino, da steht ein Pianino“ auch mal recht verquer! Der viel besetzte Schauspieler und passable Sänger Leander de Marel konnte diesmal an seine Glanzleistungen als einstiger „Publikumsliebling“ nicht recht anknüpfen. Ihm wäre eine fachkundige Beratung durch die Maskenbildnerei des Theaters zu empfehlen, um seinem Typ besser und stimmiger in den Abend einzupassen. Immer dann, wenn de Marel seine komischen Seiten zeigen durfte, kam er ansprechend über die Rampe.
Hervorzuheben ist auch – neben den animierenden Leistungen der Erzgebirgischen Philharmonie Aue – auch das Ballett OPAL mit seinen sehenswerten Damen. Ein besonderes Bravo gilt ebenso Sven Zinkan, der nicht nur durch das Programm führt, singt und tanzt, sondern gemeinsam mit anderen Solisten aufschlussreiche Texte zum Leben des auch politischen Künstlers Robert Stolz beisteuert.
Leider hatte die Premiere eine Art retardierendes Nachspiel, das dramaturgisch ausgesprochen ungünstig platziert war: Das Publikum befand sich nach einem sehr gelungen Robert-Stolz-Abend in finaler Hochstimmung, als es genötigt wurde, dem Abschiedszermoniell des scheidenden Intendanten Krug beizuwohnen. Nach einer kulturpolitischen Grundsatzrede mit ausführlichen biographischen Stationen und Würdigung eines sicherlich verdienstvollen Künstlerlebens durch Landrat Vogel, äußerte sich der Theatervereinsvoritzende Rolf Schubert zwar wesentlich kürzer, aber kaum spannender. Endlich griff auch noch der Regisseur des Abends und langjährige Chef des Hauses zu gerührten und ausladenden Abschied-Dankesworten – denen aber nicht alle Protagonisten des Abends lauschen wollten und noch vor den Reden die Bühne nahezu demonstrativ verließen. Diese deplazierte Feierstunde (sie hätte vielleicht zu Beginn des Abends, viel kürzer, besser gepasst) war eine Zumutung für das Publikum, aber insbesondere für die anwesenden ausländischen Gäste… Dafür ist die Theater-Kantine, oder besser Theater-Restaurant, und sein Team wieder zu loben. Mit Freundlichkeit und unbürokratisch geht man hier auf alle möglichen Wünsche des Hauspersonals und seiner Gäste ein. Die Vor-, Pausen- und Nachversorgung klappt immer wieder hervorragend – trotz Gewühle und Getümmel in dem kleinen Gastraum.
Weniger Getümmel und Gewühle erlebten wir dafür bei der – im Vergleich zur Annaberger – abgeschmolzenen Bergparade in Marienberg. Der riesig Renaissance-Markt ist derzeit halb Parkplatz und halb Weihnachtsmarkt, um den sich der Bergaufzug am 3. Advent bewegte und der vom Ministerpräsidenten Sachsens, Stanislaw Tillich, sowie besagtem Landrat (im bergmännischen Ehren-Habit), nebst einigen Parteifunktionären, vor dem Rathaus huldvoll begrüßt wurde. Es war nur die Kälte, die uns diesmal vom Genuss der anschließenden Reden abhielt. Von daher ist es auch unfair, Annaberg mit Marienberg vergleichen zu wollen. Schließlich ist Annaberg in jeder Hinsicht – bis auf paar Ausnahmen – unvergleichlich… Oder etwa nicht?!

Ministerpräsident Tillich, Landrat Vogel, MdB Baumann (v.l.n.r.) bei...

...der Bergparade in Marienberg am 3. Advent 2009 (Alle Fotos, außer Theater, Schicker)
Gotthard B. Schicker